On ne voit pas bien qu'avec le coeur | Vol. VI

Und dann ist Erfurt auf einmal ganz nah



Mittwoch, Frau B. kommt nach der Pause in den Unterricht, sie wirkt unsicher, ängstlich und sieht blass aus. Nach kurzem Überlegen schließt sie die Tür ab. Und lässt den Schlüssel stecken. Sie sieht uns an, schleckt sich über die Lippen und atmet ein paar Mal tief ein und wieder aus. "Ich will euch nicht beunruhigen, aber gleich wird die Polizei hier her kommen." Wir schauen zwischen ihr und der abgeschlossenen Tür hin und her, starren auf das blaue Schlüsselband, das leicht hin und her schwingt und eigentlich wussten wir’s da schon, aber so wirklich glauben kann man’s dann doch nicht. "Ein Fünftklässler hat seiner Klassleitung gesagt, er hätte in der Pause einen Jungen mit einer Waffe in der Mensa gesehen." Sie macht einen Schritt auf uns zu, dreht dann aber wieder um. Sie sagt, sie holt jetzt ihr Kärtchen. Das Kärtchen kennen wir, darauf stehen sieben Stichpunkte. Anweisungen, wie man sich im Falle eines Amoklaufs an der Schule zu verhalten hat. Der erste Stichpunkt: Türen von innen abschließen und den Schlüssel stecken lassen. Frau B. geht in den Nebenraum und wir sitzen da und warten – ja worauf eigentlich? Auf einen lauten Knall, von dem wir nicht wissen, wie er sich anhören wird, weil noch niemand von uns je einen Schuss gehör hat? Darauf, dass jemand schreit? Schritte? Auf eine Durchsage mit einer versteckten Warnung? Und weil wir nichts tun können, außer warten, machen wir tatsächlich Unterricht. Verhaltensbiologie. Meine Nachbarin flüstert: "Klasse, wenn jetzt was passiert und wir sterben, dann ist das Letzte, was wir gemacht haben, die Nachlaufprägung. Wie frustrierend." Und wir lachen, weil wir’s immer noch nicht so recht glauben können. Gut, es gab schon Amokläufe an deutschen Schulen, ja ja, aber doch nie an unserer Schule. Und dann klopft es an der Tür. Natürlich erschrecken wir, aber gleichzeitig sagt uns die Vernunft: Ein Amokläufer würde nicht an die Tür klopfen. Eine tiefe Stimme sagt, wir sollen aufmachen, sie wären von der Polizei. Zwei Beatme in Grün betreten das Klassenzimmer, schauen in die Runde und kontrollieren unsere Taschen, sagen, sie suchen einen 'äleren Schüler mit schwarzen Haaren'. Ob wir was gesehen hätten? Nein. Ob wir was wüssten? Nein. Gut, dann gehen sie wieder. Der eine tippt sich an den Hut. Die Stunde geht irgendwie vorbei, danach Stundenwechsel, auf dem Gang schwirren Gerüchte fast greifbar durch die Luft. Einer aus meinem Relikurs musste seine Personalien angeben, er sei angeblich mit dem Großen mit den schwarzen Haaren gesehen worden. Dann in der nächsten Stunde die Entwarnung: Die angebliche Waffe war nur eine Digitalkamera. Wir amüsieren uns natürlich köstlich, über die verzweifelt gesuchte Waffe in einer Hugendubeltüte. Wer bringt denn bitte eine Waffe in einer Hugendubeltüte in die Schule? Lächerlich, diese Hysterie. Aber eigentlich sind wir alle froh, dass doch alles in Ordnung ist.

Und heute, wir kommen in die Schule, Herr S. betritt das Klassenzimmer, schließt die Tür hinter sich und sperrt ab. Und lässt den Schlüssel stecken. Und denkt tatsächlich, dass wir das nicht mitbekommen würden. Langsam sickert durch: Die Digitalkamera war eine Ausrede, die vor allem die Kleinen beruhigen sollte. Es wird immer noch nach der Waffe in der ominösen Hugendubeltüte gesucht. Und in der Mensa wimmelt es nur so von Zivilpolizisten.
Aber wir müssen uns ja "keine Sorgen machen", unsere Schule steht ja nur unter Amokverdacht.
______________
Mittlerweile hat sich alles zum Glück aufgeklärt, wer genaueres wissen möchte: www.nordbayern.de


Süddeutsche Zeitung
7.10.10 22:39


 [eine Seite weiter] Prospekte und Sonderangebote - CO2 neutral bei kaufDA.de
Gratis bloggen bei
myblog.de