On ne voit pas bien qu'avec le coeur | Vol. VI

VIP – oder wie mir ein blaues Bändchen alle Türen öffnete.



Ich bin Schülerin, muss mir alles, was mein Herz begehrt, weitgehend selbst finanzieren und gehe jede Woche mindestens ein Mal zum Reiten. Das heißt, ich bin eigentlich immer pleite. Da ist es schon eine Leistung 30€ für eine Tageskarte oder sogar 80€ für eine Dauerkarte zu sparen und sehr wahrscheinlich wäre ja dann doch nur eine 18€ Tageskarte der 2. Kategorie drinnen gewesen und 2. Kategorie, das bedeutet bei den Munich Indoors in der Olympiahalle ziemlich schlechte Sicht, so dass es sich eigentlich gar nicht lohnt Geld dafür auszugeben, weil man doch nur alles über die mehr oder weniger großen Leinwände verfolgen kann.

Für mich waren die Munich Indoors dieses Jahr also gestrichen, bis mir mein Onkel zufällig erzählte, er müsse dort während den gesamten drei Tagen, die das Turnier dauert, als Security arbeiten und wenn ich will, könnte er mich kostenlos reinlassen. Wow. Natürlich will ich. Also treffen wir und gestern Abend vor dem Eingang und nicht genug, dass ich keinen Eintritt zahlen muss, nein, ich bekomme von ihm ein kleines blaues Plastikbändchen ausgehändigt und werde von ihm mit seriösem Blick und um Stechschritt durch den VIP-Eingang geführt. Die fragenden Blicke der Empfangsdamen beantwortet er mir einem knappen „Die gehört zu mir.“ Und damit und dem blauen Bändchen um mein Handgelenk ist die Sache geklärt. Und die Leute gucken nicht schlecht, als er mich durch die Halle führt und mir alles zeigt, sie ahnen ja nicht, dass wir verwandt sind, sie sehen nur einen etwas finster dreinblickenden Mann in Anzug, mit einem Knopf im Ohr, der ein Mädchen begleitet.

Mit den Worten „Du bist jetzt ein VIP, das heißt du darfst überall hin und für dich ist wirklich alles umsonst.“ werde ich alleine gelassen. Wirklich alles? Das teste ich doch gleich mal, nämlich in der VIP Lounge. Ich gehe etwas unsicher an dem Türsteher vorbei, zeige mein Handgelenk und werde tatsächlich von einem etwas verdutzten Mädchen in meinem Alter an einem Tisch geführt. Während dem Essen, das mich wirklich nichts (!) gekostet hat, schaue ich mich um und stelle fest, ich bin wirklich umgeben von Snobs. Aber „einfache“ Leute wie ich, die hätten sich das ja auch gar nicht leisten können.

Nach dem Essen schaue ich mir das Programm von Voltigieren über Dressur, Showeinlagen bis zum Springreiten an. Aber natürlich nicht in den Rängen, sondern in der VIP-Lounge direkt am Platz. Zwischendurch werde ich immer wieder von einer Bedienung gefragt, ob alles zu meiner „vollsten Zufriedenheit sei“ und „ob ich noch einen Wunsch habe“. Ich trinke also eine kostenlose Apfelschorle nach der anderen und dreh’ das blaue Bändchen an meinem Handgelenk grinsend hin und her.

Nach dem Springen bin ich auf den Geschmack gekommen und will meinen neugewonnenen VIP-Status ausreizen. Ich gehe also hinter den Platz und frage den haushohen Security, ob ich hier durch dürfe. Ein Blick auf mein Bändchen und mir wird freundlich die Tür zum Abreitplatz geöffnet. Dort treffe ich meinen Onkel wieder, der mich unter seine Fittiche nimmt und mich rumführt. Wir gehen durch die Stallungen, unterhalten uns kurz mit den Reitern, deren Namen ich zwar nicht immer kenne, aber mein Onkel ist so freundlich mir ihre gewonnenen Auszeichnungen und Preise ins Ohr zu flüstern.

Mein Abend endet damit, dass ich einen 15 Millionen Euro Pferd (!!!) hintern den Ohren kraulen darf. Beim Rausgehen werde ich, sobald sie mein blaues Bändchen gesehen haben, von unzähligen Verkäufern belagert, die meinen, bei mir wäre etwas zu holen. Mir wird allerdings schon beim Anblick der Preise schlecht.

Zuhause schneide ich das blaue Bändchen von meinem Handgelenk und werde fast etwas wehmütig. Ab morgen muss ich mir die Türen wieder selbst aufmachen.
6.11.10 14:48


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