On ne voit pas bien qu'avec le coeur | Vol. VI

Wenn Worte stumm bleiben



„N-a, n-a-t, n-a-t-ü, n-a-t-ü-r, n-a-t-ü-r-l, n-a-t-ü-r-l-i, n-a-t-ü-r-l-i-c-h, n-a-t-ü-r-l-i-c-h-e-r“ ließt meine kleine Schwester stockend. In der Hand hat sie eine Flasche Orangensaft, mit natürlichem Fruchtsaft. Nur mit strengen inneren Ermahnungen und einigen tiefen Atemzügen schaffe ich es, ihr die Flasche nicht aus der Hand zu nehmen und die Zutatenliste selbst zu lesen, denn wer kleine Geschwister hat, der weiß: Kinder, die gerade Lesen lernen, sind anstrengend. Während man selbst nur einen kurzen Blick auf das Wort werfen muss, um den Sinn zu verstehen, müssen die Kinder noch angestrengt Buchstabe für Buchstabe entziffern um sie dann langsam zu einem Wort aneinander zu reihen. Und das dauert. Und nervt, wenn man es gerade eilig hat. Dabei macht meine kleine Schwester gerade nur das, was ich von ihr erwarte und was für ihre spätere Laufbahn notwenig ist: Lesen lernen. Im Laufe ihres Lebens wird ihr das Lesen so zur Gewohnheit werden, dass sie gar nicht mehr anders kann, als alles zu lesen, was ihr vor die Augen kommt, denn ihr Gehirn wird den Prozess des Lesen irgendwann so automatisiert haben, dass es ihr keine Mühe mehr macht und es wie von selbst geht. Aber an diesen Punkt muss sie erstmal kommen und dazu muss sie Üben. Und das heißt in diesem Fall: Lesen. Und zwar alles, von Reklametafeln, Zutatenlisten bis zu den kleinen Geschichten in ihrer Lesefibel. Dabei kann es schon mal passieren, dass aus „Toll Ulli!“ eben „Tulpe Ulli!“ wird, weil Raten manchmal noch einfacher ist als das mühsame Fischen im trüben Buchstabensumpf.
Während meine kleine Schwester hochkonzentriert mit zusammengekniffenen Augen versucht zu entziffern was „C-r-è-m-e b-r-û-l-é-e“ ist und was diese seltsamen Striche über den Buchstaben zu bedeuten haben, muss ich an unsere früheren Waldspaziergänge denken. Damals, wenn sie und ihr Bruder mal wieder mit lautem Gebrüll im Unterholz verschwunden sind, habe ich streng auf ein Schild gezeigt und behauptet, darauf würde „Vorsicht Bären“ stehen. Danach haben sich meine kleinen Hobbyindianer nie wieder getraut aus meinem Blickfeld zu verschwinden. Heute hätte meine kleine Schwester nach ein paar Minuten Stotterei herausgefunden, das auf dem Schild nichts anderes als der Beginn eines Privatgrundstücks verkündet wird. Ein bisschen trauere ich bei diesem Gedanken ja schon um diese analphabetische Zeit.
Aber wie ist das eigentlich, wenn Worte nur aus zusammenhanglosen Buchstaben bestehen und Sätze keinen Sinn ergeben? Laut einer aktuellen Studie der Uni Hamburg gibt es in Deutschland etwa 7,5 Millionen Analphabeten. 14,5% der 18 bis 64 Jährigen sind sogenannte „funktionelle Analphabeten“, das heißt sie unterschreiten die gesellschaftliche Mindestanforderung an die Beherrschung von Schriftsprache. Einige von ihnen können nur einzelne Buchstaben lesen, andere scheitern erst an ganzen Sätzen oder längeren Texten. Die Studie zeigt auch, dass Männer häufiger betroffen sind als Frauen, sie machen etwa ein Drittel der deutschen Analphabeten aus.
Während ich einen Joghurtbecherstapel davon abhalte, in sich zusammen zu fallen und gleichzeitig mit meiner kleinen Schwester eine heiße Diskussion führe, dass man Vanille zwar „Wanille“ ausspricht, aber nicht so schreibt, überlege ich, wie Analphabeten ihren Alltag meistern. Mitglieder von Hilfsorganisationen sagen, Menschen, die nicht richtig Lesen und Schreiben können, haben meist eine Vertrauensperson, die ihnen beim Ausfüllen von Formularen oder beim Aufsetzen von Briefen hilft. Aber im Alltag lassen sich Situationen, in denen etwas gelesen werden muss, nicht so leicht umgehen: Es müssen Fahrkarten gekauft, Straßen- oder Preisschilder entziffert werden. Oft versuchen Analphabeten sich Dinge fotographisch zu merken, aber oft müssen sie Ausreden erfinden. Das führt zu Scham und Angst, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Denn oft werden Analphabeten wie Menschen mit einer hoch ansteckenden Krankheit behandelt und in unserer Leistungsgesellschaft ist oft kein Platz für sie. Aber wenn ich an meine Klassenkameraden denke, von denen einzelne hörbare Probleme beim Lesen von Texten haben, wird mir bewusst dass Analphabetismus gar nicht so weit weg ist, wie man immer denkt.
Ein entnervtes „Häääääää?“ reißt mich aus meinen Gedanken. „Was ist denn ein ‚Genie’?“ will meine kleine Schwester wissen, die mittlerweile eine Frauenzeitschrift in Händen hält. „Das spricht man ‚Schenie’ aus und es ist ein sehr kluger Mensch“. Meine kleine Schwester wirft die Zeitung zurück in das Regal und mit einem „Ich hab’s so satt, dass man ständig Sachen anders schreibt als man sie dann ausspricht“ stampft sie zur Kasse. Und ich folge ihr mit einem ziemlich breiten Grinsen und muss an ihre Reaktion denken, wenn sie später einmal Englisch oder sogar Französisch lernen muss.


via
3.3.11 15:48


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